Dienstag, 8. April 2014

Tilt-Shift Objektiv Tutorial

Was ist ein Tilt-Shift Objektiv?

Canon TS-E 24mm F/3.5 II wird bei allen Beispielen in diesem Tutorial verwendet
canon TS-E 24mm II
Das 24mm Weitwinkel-Tilt und Shift-Objektiv von Canon ist ein Spezialobjektiv welches vorwiegend in der Architektur benutzt wird. Wer es allerdings nur darauf reduziert, liegt falsch, denn die Einsatzgebiete reichen weit darüber hinaus. Die Hauptmerkmale liegen darin, dass man zum einen die Fokusebene durch das Neigen (Tilt) über das gesamte Bild selbst bestimmen kann. Zum anderen ist es möglich den Blickwinkel/die Perspektive zu verschieben (Shift). Da dies besonders für Anfänger erstmal kompliziert erscheint, wollen wir im Einzelnen auf die Funktionen eingehen.

Tilt - Neigen

Ansicht: Kameragehäuse hochkant, Objektiv komplett nach unten geneigt (getiltet)
tilt
Halten wir doch mal fest was beim Neigen geschieht. Bei einem Objektiv ohne Tilt-Funktion liegt die Fokusebene parallel zum Sensor. Will man jetzt z.B. in 3 Meter Entfernung alles scharf haben, stellt man die Schärfe diesbezüglich ein und macht dann sein Bild. Spielt man etwas mit der Blende rum, kann man die Schärfentiefe natürlich vergrößern, aber eben parallel zum Sensor, und da liegt der Knackpunkt.
Beim Tilten kann man die Fokusebene zum Beispiel entlang eines Objektes legen, und somit das ganze Objekt gestochen scharf abbilden. Dies wäre selbst durch komplettes Abblenden nicht zu erreichen, wie ihr im unteren Beispiel mit der E-Gitarre sehen könnt. Das führt dazu, dass man den Blendenwert möglichst gering halten und somit die größtmögliche Menge von Licht einfangen kann. Ein weiterer Vorteil der Offenblende ist die höhere Kontrolle über die Schärfe im Bild.
Nehmen wir als Beispiel einen langen Gegenstand, der in das Bild hineinragt. Mit der Tilt-Funktion ist es nun kein Problem diesen komplett scharf darzustellen, ohne dass man stark abblenden muss.
Unser Setup für die Produktbilder

Die einzelnen Bilder: Kleinste Blende F/22 ohne Tilt (links), Blende F/4.5 ohne Tilt (mitte), Blende F/4.5 mit Tilt (rechts)
Wie ihr and den Auschnitten erkennen könnt, ist durch die Verwendung der Tilt-Funktion auch der entfernteste Teil der E-Gitarre immer noch scharf.

Eine weitere Eigenschaft der Tilt-Funktion ist die Möglichkeit auf beiden Seiten des Bildes eine Unschärfe zu generieren. Diese Funktion erlangte einen Bekanntheitsgrad, da sie immer öfter in der Werbung Verwendung findet. Es ist dadurch möglich einen Effekt zu erzeugen, der bestimmte Motive wie eine Miniatur erscheinen lässt. Dies zeigen wir an den folgenden Bildern, die wir von einem höheren Standpunkt aus aufgenommen haben. Dabei haben wir das Objektiv jeweils bis zum Grenzwert geneigt und somit eine Art Miniaturansicht geschaffen.
Aufgenommen am Alex. Objektiv bis zum Grenzwert (8,5 Grad) geneigt.
Den Tilt-Effekt jedoch mit einer künstlich hergestellten Unschärfe in Photoshop zu vergleichen, wäre falsch.  Zum einen kippt man ja die Fokusebene, es können also sehr wohl Objekte unten und oben im Fokus bleiben, wenn sie sich auf der Fokusebene, im Schärfebereich, befinden. Bildbearbeitungssoftware hat normalerweise keine Distanzinformationen zu den Objekten in der Aufnahme und würde einfach alles am unteren Teil und oberen Teil des Bildes unscharf machen. Versucht mal die folgenden Beispiele in Software mit Unschärfeeffekt nachzumachen.
Komplett nach oben getiltet, Palme im Vordergrund oben sharf (links). Komplett nach unten getiltet, Palme im Vordergrund unten scharf (rechts).

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der Tiltfunktion ist die Veränderung der Perspektike ohne den Kamerastandpunkt zu verändern. Dies können wir euch hier anhand der übereinanderliegenden Bilder präsentieren. Die Kamera stand dabei auf einem Stativ und wurde nicht bewegt. Das eine Bild entstand durch Tilt nach unten, und das andere Bild durch Tilt nach oben.
Ihr könnt die Bilder wechseln, indem ihr mit der Maus drüberfahrt und seht, dass sich dadurch die Perspektive verändert
Wer sich fundiert mit der Tilt-Funktion auseinandersetzen will, kann mal mit der Scheimpflugschen Regel starten.

Praxistipps/Tilten:

Verwundern sollte nicht, dass der Neigungswinkel dieses Objektivs nur 8,5 Grad beträgt. Dieser Wert bezieht sich nur auf die Linsen. Die eigentliche Verlagerung der Fokusebene kann viel größer ausfallen. Auch hier verweisen wir gerne zu einem besseren Verständnis auf einen Link mit einem interaktiven Diagramm.
Zusätzlich sollte man bei der Benutzung beachten, dass man die Belichtung und den Fokus (Automatik nicht vorhanden) manuell einstellt bevor man tiltet, da sonst verfälschte Ergebnisse rauskommen.

Shift - Verschieben

Ansicht: Kameragehäuse hochkant, Objektiv komplett nach unten verschoben (geshiftet)
Mit der Shift-Funktion ist es möglich, die Linsen nach oben oder unten beziehungsweise nach links und rechts in Bezug auf den Sensor zu verschieben. Erklären wir das anhand eines Produktfotos. Wir würden gerne in diesem Fall die Kerze von schräg oben aufnehmen.
Die einzelnen Bilder: Normalansicht (links), verschoben nach oben (mitte), verschoben nach unten (rechts)
In der Normalansicht sieht die Kerze etwas zusammengepresst aus. Wenn man jetzt das Objektiv komplett nach oben verschiebt, verändert sich die Perspektive. Die Kerze ragt aus dem Bild hinaus. Um diesen stürzenden Linien  entgegenzuwirken, kann man das Objektiv komplett nach unten verschieben. So haben wir das Objekt mit parallelen Linien dargestellt, um somit seiner wirklichen Form gerecht zu werden. Über die Ästhetik der einzelnen Perspektiven kann jeder selbst entscheiden, wir zeigen hier lediglich die Möglichkeiten dieses Objektivs.

Ein weiteres Anwendungsgebiet und wohl auch das beliebteste, wenn es um Tilt-Shift-Objektive geht, ist die Architekturfotografie.
Wenn man vor einem Gebäude steht, welches man fotografieren will, muss man die Kamera nach oben schwenken und dadurch entstehen sogenannte stürzende Linien. Das Gebäude sieht aus, als ob es nach hinten fällt. Mit Hilfe eines Shift-Objektivs kann man die Kamera parallel zum Boden positionieren und das Objektiv nach oben verschieben. Damit wirkt man den stürzenden Linien entgegen, wie in den folgenden Beispielen gezeigt wird.
Die einzelnen Bilder: Normalansicht (links), nach unten verschoben (mitte), nach oben verschoben (rechts)

Hochauflösungsbilder und Panorama

Ein weiterer Einsatzbereich für die Shift-Funktion ist die Erstellung eines hochauflösenden Bildes mit Hilfe von 3 verschiedenen Aufnahmen (z.B. Shift oben, normal, Shift unten). Dadurch entsteht ein weitwinkligeres Bild und ihr kommt dem Mittelformat sehr nah. Durch die höhere Auflösung ist das Bild auch für den Großdruck bestens geeignet.
Hochformataufnahme ohne Shift-Funktion (links), Stacking aus 3 Querformatbildern, Kamera fixiert, mit Shiftposition oben, ungeschiftet und Shiftposition unten (rechts)

Praxistipps/Shiften:

Wenn ihr den stürzenden Linien von einem Gebäude entgegenwirken wollt, muss die Kamera rechtwinklig zum Boden stehen und ihr stellt den richtigen Bildausschnitt ein durch die Shift-Funktion und ggf. durch Standpunktwechsel ein.

Zum Schluss gehen wir noch kurz auf die Kombination von Tilt und Shift ein. Das Canon TS-E 24mm F/3.5 ist so konstruiert, dass man durch Rotation die Tilt- und Shift-Funktionen unabhängig voneinander verwenden kann. Beispielsweise ist ein vertikaler Shift mit horizontalem Tilt kombinierbar, oder auch horizontaler Shift mit 45° Tilt, die Ausrichtungen sind frei wählbar.
Die einzelnen Bilder: Tilt nach rechts und Shift nach oben (links und mitte), Tilt nach rechts und kein Shift (rechts)
Der Text ist als Einführung in die Tilt-Shift-Fotografie zu verstehen. Weitere Tutorials zu den einzelnen Teilbereichen werden folgen.

Hier habt ihr jetzt die Möglichkeit, einige wichtigen Praxistipps, z.B. wie man die Fokusebene präzise kippen kann, in unserem Tutorial Video anzuschauen.


Autor: Andrei Belitski in Zusammenarbeit mit Tom Burgas

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